Die Rossbahn


Hinter den Gärten der Anlieger läuft parallel zum Grünen
Weg ein Pfad. Dieser zeigt wie ein Pfeil zum Annaberg. Seine
Verlängerung durch das Annental ist eine bequeme Verkürzung,
die sehr gern durch die Pilger, die zur St. Anna-Gnadenstätte
streben, benutzt wird. Wie ist dieser Pfad und der Weg durch den
schattigen Tannen- und Kiefernwald entstanden?
Die ältere Generation erinnert sich bestimmt noch an die zwei
alten Kalköfen, die zwischen Eisenbahn und Fabrikstraße,
ungefähr zweihundert Meter vom Bahnhofshotel entfernt, standen.
Sie waren des Rätsels Lösung. Auch in Odertal wurde in
früheren Jahren Kalk gebrannt. Den Kalkstein brach man im
Annaberger Steinbruch. Einen Teil brannte man an Ort und Stelle und
verkaufte ihn an Abholer aus umliegenden Orten. So beförderte man
auf den Annaberg Kohlen und bergab Kalksteine und zum Teil bebrannten
Kalk zu den zwei Kalkofen in Odertal, die direkten Bahnanschluss
hatten. Diesen Transport bewältigten durch Pferde gezogene Loren.
Es war die „Rossbahn“ deren Gleise über die oben
erwähnten Wege, die Annaberger Chaussee entlang, zum Steinbruch
im sagenumwobenen Kuhtal liefen. Durch Unrentabilität wurde der
Betrieb im ersten Viertel unseres Jahrhunderts eingestellt. Aus dem
alten Steinbruch wurde 1936 eine Feierstätte erbaut. Darüber
thronte auf dem Kalksteinfelsen das vom Volksbund Deutscher
Kriegsgräberfürsorge erbaute Ehrenmal. Von der Treppe zur
Feierstätte steht heute noch der alte Kalkofen, als Zeuge
damaligen Schaffens.
Die zwei Kalköfen in Odertal sind durch die Bombardierungen im
letzten Krieg dermaßen erschüttert und zerstört worden,
dass man sie niederreißen musste. Die Gleise verschwanden von der
Rossbahn. Diese entwickelte sich zum Weg, der auch zum Treffpunkt
für Liebespaare wurde. Es heißt, der Jüngling und das
Mädchen, die sich auf der Rossbahn kennenlernen, werden bestimmt
ein Paar. Wandelt dann dieses Paar die Rossbahn entlang, denkt es
sicher nicht an den Schweiß, den da unsere Vorväter
vergossen, als so manche Lore von den Gleisen sprang und sie die
ausgeschütteten Steine erneut aufladen musste.
Diese Text stammt von Alfons Swoboda allem Bekannter
Odertaler Briefträger.
Mit freundlichen Grüssen
Georg Leo Wilkens